Wolfgang Hartter

Stichwort Jahrtausendwende

Das neue Jahrtausend beginnt

Am 1. Januar 2001 fängt das dritte Jahrtausend an
Jetzt kommt der große Augenblick

Viele feierten zu früh - Adam Riese: 1999 Gramm sind noch keine zwei Kilo

Wer schon vor einem Jahr Silvester als größtes Fest aller Zeiten feierte, hat sicher seinen Spaß gehabt. Aber er lag leider falsch. So rund und magisch schön die Jahreszahl 2000 auch ist - die Jahrtausendwende steht erst noch bevor. Das neue Millennium beginnt mit Ablauf des 31. Dezembers 2000.
Man kann auch Feste feiern, wenn sie nicht fallen. Oder schon mal Probe feiern. Vor einem Jahr brachen Millionen Menschen in ein neues Jahrtausend auf - auch wenn vielen klar war, dass das etwas nicht stimmte. Doch mochten Fachleute noch so gescheite Einwände gegen das verfrühte Supersilvester anführen - die Zeitgenossen ließen sich nicht beirren.
Redeten nicht auch die Politiker vom neuen Millennium, das nun angebrochen sei? Und rief nicht selbst der Papst das Heilige Jahr 2000 aus? Mit großem Pomp und kleinem Sündenablass. Aber auch Kirchenmänner könne bekanntlich irren. So wie der Abt Dionysius Exiguus, der sich 525 nach Christus in päpstlichem Auftrag dran machte, die Daten kirchlicher Feiertage genau festzulegen. Darauf beruht bis heute unsere christliche Zeitrechnung.
Doch das Mönchlein hat sich gleich zwei Mal verrechnet, was die Kirche freilich wenig kümmerte. Erstens scheiterte der Zeitenbestimmer aus Rom an dem Problem der Ziffer Null. Das Christentum hatte dieses Nichts als unverträglich mit der Gottesidee aus der Mathematik ausgeschlossen. Gott, so glaubte man, habe alles in der Hand - ein Nullum durfte es da nicht geben, weder Leere noch Unendlichkeit.
Noch 1498 wurde Girolamo Savonarola hingerichtet, weil er apokalyptische Strafen prophezeit hatte. Sechs Jahre zuvor hatte bei Ensisheim im Elsass ein Meteorit eingeschlagen. Kein Zweifel: Gott zürnte den modernen Menschen. Mit ihm war nicht zu  spaßen.
In solchen Vorstellungen verfangen, blieb Dionysius dem kirchlichen Denken und Rechnen treu und legte die Geburt Christi ein Jahr zu früh (siehe Kasten unten). Zweitens war der Kirchenmann zu bibelgläubig, was man ihm nicht verdenken kann. Laut Lukas 1,5, der Weihnachtsgeschichte, wurde Jesus von Nazareth während der Regierung des Königs Herodes geboren. Der aber starb schon vier Jahre vor unserer Zeitrechnung. Also fand das Ereignis von Bethlehem mindestens vier Jahre vorher statt; die Wissenschaft geht inzwischen sogar von sieben Jahren "vor Christus" aus.

Beginn mit dem Jahr 1

Das 21. Jahrhundert und dritte Jahrtausend, dem wir jetzt entgegensehen, hat so betrachtet schon vor ein paar Jahren angefangen.
Doch abgesehen davon; selbst wenn Dionysius richtig gerechnet hätte, bricht das 21. Jahrhundert erst in der Nacht von Sonntag auf Montag (31.12.2000 auf 1.1.2001) an. Verantwortlich dafür ist der Gregorianische Kalender, an dem auch Dionysius festhielt. Diese christliche Zeitmessung kennt wie gesagt keine Null, sondern beginnt gleich mit dem Jahr 1^nach Christi Geburt.
Das heißt: Das erste Jahr fing am 1. Januar 0001 an und hörte am 31. Dezember dieses ersten Jahres christlicher Zählung auf. Damit endete das erste Jahrtausend am 31.12.1000. Und das nächste Millennium begann am 1. Januar 1001.
Folgerichtig sind 2000 Jahre erst am 31. Dezember des Jahres 2000 voll. Punkt Mitternacht. Oder, wie Adam Riese sagte, zwei Kilo Äpfel hat man dann, "wenn 2000 Gramm auf der Waage liegen und nicht wenn es erst 1999 Gramm seyen".
Das neue Zeitalter fängt also am 1. Januar 2001 so richtig an - wenn das kein Grund zum Feiern ist!
Obwohl die christliche Zeitrechnung weltweit verbindlich ist - in der globalen Wirtschaft wie in der Wissenschaft-, rechnen ganze Völkerschaften völlig anders.
Die Muslime befinden sich noch im Jahr 1421. Sie zählen seit dem Auszug ihres Propheten Mohammed aus Mekka. Das war am 16. Juli 622 unserer Zeitrechnung.
Etwas weiter sind die Kopten, die beim Jahr 1717 angelangt sind. Diese ägyptischen Christen beginnen von 284 n. Chr. an zu rechnen, dem Jahr der letzten römischen Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian. Auch Buddhisten können die westliche Aufregung nicht verstehen. Für sie ist das Todesjahr Buddhas entscheidend - 483 vor Christus.
Der jüdische Kalender schließlich zählt die seit der Schöpfung vergangene Zeit. Das ist nach den Schriften genau 5761 Jahre her.

Die Null-Lösung
Während Araber, Chinesen und Babylonier, ja selbst die Mayas schon lange mit der Null rechnen konnten, durchbrach das christliche Europa erst im späten Mittelalter den Denkdamm dieser mit dem Nichts gleichgesetzten Ziffer. Die bis dahin übliche römische Schreibung kennt bekanntlich keinen Null.
Die historische Zeitrechnung erscheint jedoch mit der Anerkennung und unverkrampften Verwendung der Null in neuem Licht. Hier die moderne Null-Lösung als Antwort auf den noch in seiner Zeit befangenen Abt Dionysius Exiguus:
Der 1. Januar nach Christi Geburt erhielt im Jahr 525 von dem Kirchenmann die Jahreszahl 1, der 1. Januar davor die minus 1. Damit lag zwischen diesen beiden Daten ein Jahr. Bis zur minus 1 ist jedoch ein weiteres Jahr notwendig; korrekterweise muss also mit zwei Jahren gerechnet werden - dem ersten, das in die Vergangenheit wiest und dem ersten in die Zukunft gerichteten. Die mathematische Formel dazu lautet: 1-(-)1 = 2.
Der Abt hätte also die Jahreszahl 00 als Zeitenscheide einfügen müssen und erst der 1. Januar des Jahres 2 hätte die der Jahreszahl 1 tragen dürfen. Entsprechend läge der 31. Dezember 1999 ein Jahr später - also jetzt.
Wegen dieses Rechenfehlers war der Wanderprediger Jesus zum Zeitpunkt seiner Geburt sozusagen schon ein Jahr alt.

Quelle: Schwäb. Tagblatt v. 30.12.2000


Bericht aus dem Jahre 1999:

Die Null: Attraktiver als die Eins

 

Weltweit wird ein Jahr zu früh gefeiert - Millennium begint erst am 1. Januar 2001

Die Vorbereitungen für die Jahrtausendwende laufen. Sie alle haben aber einen Haken: Das dritte Jahrtausend beginnt erst ein Jahr später.
 

Wenn das Silvesterfeuer am 31. Dezember 1999 verraucht ist und die Luxuskreuzer längst wieder im Heimathafen liegen, hat das dritte Jahrtausend immer noch nicht begonnen. Weltweit wird zum Jahreswechsel 1999/2000 der Beginn des dritten Millenniums gefeiert, aber die Jahrtausendwende ist erst an Silvester 2000. 
Der Grund: Es gibt kein Jahr Null, die Zeitrechnung nach Christus beginnt erst mit dem Jahr eins. Damit ist das zweite Jahrtausend erst Ende des Jahres 2000 voll. Es hat sich jedoch eingebürgert, dann zu feiern, wenn die glatte Zahl zum ersten Mal in der Jahreszahl auftaucht. Der 1.1.2001 sieht rein optisch eben nicht so markant aus. 

Der Beginn des 20. Jahrhunderts wurde ebenfalls Anfang des Jahres 1900 gefeiert, sagt Historiker Frank Möller von der Universität Jena. Das habe Kaiser Wilhelm II. verordnet, damit der Termin nicht mit der Feier der 30jährigen Reichsgründung am 18.1.1901 kollidierte.

Allerdings zogen auch andere Länder Europas die Feier vor. In den vorhergehenden Jahrhunderten sei der richtige Zeitpunkt zum Feiern noch sehr strittig gewesen.


Countdown zum Jahrtausendwechsel

Die Silvesterfeiern zum Jahrtausendwechsel, die für den 31. Dezember 1999 geplant sind, kommen ein Jahr zu früh; der Jahrtausendwechsel findet erst ein Jahr später statt.
Denn: Es gibt kein Jahr 0, die Zeitrechnung beginnt mit dem Jahr 1 nach Christi Geburt (n.Chr.)
 

Das erste Jahr n. Chr. endete am 31. Dezember des Jahres 1 1. Jahrzehnt n. Chr. Das erste Jahrzehnt n. Chr. endete am 31. Dezember des Jahres 10
  1. Jahrtausend n. Chr. Das erste Jahrtausend n. Chr. endete am 31. Dezember des Jahres 1000
  2. Jahrtausend n. Chr. Das zweite Jahrtausend n. Chr. endet am 31. Dezember des Jahres 2000
    Das dritte Jahrtausend n. Chr. beginnt also am 1. Januar des Jahres 2001

 

Quelle: Schwäb. Tagblatt v. 29.12.99


 

 

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